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07.04.2014 - 09:24 Uhr

Betriebsräte: Mitbestimmung ist eine Chance

Im Europahaus in Aurich diskutierten rund 150 Menschen über die geplanten Mitarbeitervertretungen bei Enercon

Rund 150 Besucher besuchten die Veranstaltung im Speisesaal des Europahauses. Foto: Frerichs

Aurich. Als er vor drei Jahren bei Enercon angefangen hat, habe man ihm noch gesagt: „Dinge wie Betriebsräte kannst du dir gleich abschminken, sonst kannst du dir deine Papiere holen“. Diese Zeiten seien vorbei. Heute ist Adrian Sobieraj selbst Betriebsrat bei Enercon Service. Sein Kollege Serhat Özdemir ist im Wahlvorstand, um die Wahl zum ersten Betriebsrat bei der Enercon Tochtergesellschaft WEC Turmbau Emden vorzubereiten. Trotzdem erleben beide auch heute noch Kollegen, die eingeschüchtert sind, Geschäftsleitungen, die ihre Mitarbeiter auf dem Parkplatz fotografieren, weil sie einen Gewerkschaftsflyer entgegennehmen und Kollegen, die Angst haben, ihren Job zu verlieren, wenn sie ihren Mund aufmachen. „Das kann und darf in einem Land wie Deutschland nicht sein“, sagte Özdemir am Freitagabend bei der Diskussionsveranstaltung „Frischer Wind im Betrieb“ (siehe auch Bericht Seite 1).

Gemeinsam mit Thomas Gelder (Betriebsratsvorsitzender der Meyer Werft), Heiko Pfanne (Betriebsratsmitglied bei der Deutschen Post) und Joahnn Saathoff (Mitglied des Bundestages), saßen Sobieraj und Özdemir auf Einladung der Gewerkschaft IG Metall auf dem Podium und diskutierten mit den rund 150 Gästen – darunter Mitarbeiter von Enercon, ehemalige Betriebsratsmitglieder, Auricher Bürger aber auch Führungskräfte von Enercon-Gesellschaften.

Dabei sahen die meisten Besucher Betriebsräte als Chance – sowohl für die Unternehmen als auch für die Region. Für Thomas Gelder ist das gar keine Frage. „Was denn sonst?“, sagte Gelder. „Ich kenne kein Beispiel, wo es schlechter geworden ist, weil ein Betriebsrat gewählt wurde.“ Im Gegenteil: Unternehmen wie VW seien so erfolgreich, gerade weil sie Mitbestimmung haben, so Gelder. Auch für Heiko Pfanne ist bei dieser Frage ganz klar: „Unserem Aktienkurs hat der Betriebsrat bisher nicht geschadet“, sagte Pfanne, der seit 1997 im Betriebsrat der Deutschen Post sitzt.

Den Enercon-Mitarbeitern geht es bei ihrem Ruf nach einer Arbeitnehmervertretung vor allem um ein verbessertes Miteinander von Führungskräften und Mitarbeitern. „Wertschätzung und motivierte Mitarbeiter, da wollen wir hin und das ist das Ziel“, sagte ein Mitarbeiter aus dem Publikum. Dies sei auch für das Unternehmen ein Gewinn, denn wenn die Kollegen motiviert an die Arbeit gingen, bekomme der Kunde ein gutes Produkt.

Ein weiterer Enercon-Mitarbeiter – selbst im Betriebsrat – sagte: „Beide Seiten müssen zufrieden sein. Dann kann es gut laufen.“ Die Arbeitnehmer seien zum Teil aber auch selbst Schuld. Die Frage sei, ob sie bereit seien, zu kämpfen? „Ich komme aus einer französischen Erziehung, wenn uns ein Gesetz nicht passt, gehen wir auf die Straße und protestieren. Hier sind die Leute oft nicht bereit, zu kämpfen“, sagte der Mitarbeiter der Rotorblattfertigung und bekam viel Beifall.

Es gebe auch bei Enercon schon lange Mitbestimmung und Betriebsräte, nur eben nicht gemeinsam mit der IG Metall, erinnerte ein anderer Enercon-Mitarbeiter. Da müsse man schon differenzieren. Ein Geschäftsführer einer Enercon-Servicegesellschaft wies auf die Kosten hin, die Betriebsräte durch ihre Sitzungen und den Arbeitsausfall verursachen würden.

Viele Sitzungen eines Betriebsrates seien meist ein Zeichen dafür, dass es Probleme gibt, die schwierig zu lösen sind, sagte Thomas Gelder. Johann Saathoff erinnerte daran, dass die Betriebsräte bei Enercon etwas Neues in der Unternehmenskultur seien. „Das braucht anfangs Zeit. Die Kollegen arbeiten aber für den Betrieb und machten sich Gedanken um die Zukunft“, so Saathoff. Die Sicht der Mitarbeiter sei ein Gewinn für das Unternehmen. Das würde auch die Führung bald merken.

erschienen:
am 'Montag, 7. April 2014', in Ostfriesische Nachrichten, Seite 3


 

 



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