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11.04.2014 - 09:21 Uhr

Der Euro ist stark – aber er braucht einen Plan

Wirtschaft Professor Rudolf Hickel sprach im Europahaus in Aurich über die Zukunft der Europäischen Union

Der Bremer Professor Rudolf Hickel hielt am Mittwochabend einen Vortrag im Europahaus in Aurich. Vor rund 90 Zuhörern sprach er über Perspektiven für die EU und über die Zukunft des Euros. Bilder: Berentzen

Der Bremer warb dafür, dass Staaten mehr Kompetenzen an das EU-Parlament abgeben.

Aurich - Etwas Zeit hätten sich die Politiker in der Euro-Krise mit ihrem bisherigen Handeln erkauft, sagte Professor Rudolf Hickel am Mittwochabend im Europahaus in Aurich. Rund 90  Zuhörer waren zu der Veranstaltung „Wie geht es weiter mit dem Euro?“ gekommen. Der Aufschub sei positiv, sagte Hickel. „Die Probleme sind aber nicht gelöst.“

Der 72-Jährige aus Bremen ist klarer EU-Befürworter. In seinem 90-minütigen Vortrag führte er aus, wie die Bankenkrise im Jahr 2007 die Eurokrise verschärft habe. Durch die Möglichkeit, Staatsanleihen zu kaufen, habe man nun zumindest den Spekulanten das Handwerk gelegt, die auf die Pleite von EU-Staaten wie Griechenland oder Portugal gewettet hatten.

Einen grundlegenden Fehler habe der Vertrag von Maastricht 1992 nach sich gezogen. Er legte fest, den Euro einzuführen – ohne eine einheitliche Währungspolitik festzuhalten. Sprich: Die Staaten zahlen zwar mit derselben Währung, halten sie aber nicht gemeinsam stabil. Damit habe man die europäische Integration auf die Währung reduziert, so Hickel.

Zugleich habe man die Klausel in den Vertrag aufgenommen, dass kein EU-Staat einem anderen in der Krise helfen dürfe. „Die Idee, dass ein Land pleitegehen könnte, kam nicht vor“, sagte Hickel.

Hickel warb für den Euro. Es handle sich trotz der Krise um eine stabile Währung, die in Ländern wie China sehr gefragt sei. Ohne den Euro wäre die Deutsche Mark zudem in der Krise stark aufgewertet worden, was vor allem den Export belastet hätte.

Der 72-Jährige zeigte Alternativen zur aktuellen Politik auf. Sich „durchzuwurschteln“, wie es bisher geschehe, sei denkbar schlecht. „Die große Koalition braucht Perspektiven für die Euro-Stabilisierung“, so Hickel. Einen Komplett-Ausstieg aus dem Euro halte er für eine schlechte Idee. Das fordere aktuell niemand, nicht einmal die Partei AfD.

„Wir brauchen den Euro“, sagte Hickel. „Aber wir brauchen ihn anders.“ Wichtig sei vor allem, die Wirtschaft in den Krisenländern zu stärken. Aktuell gibt es für sie nur Geld, wenn sie das strenge Programm der Troika (Europäische Zentralbank, Internationaler Währungsfonds, EU-Kommission) umsetzen – oft mit der Folge einer Verarmung, die bis tief in die Mittelschicht reiche. „Das ist mit der Sozialcharta der EU nicht vereinbar“, sagte Hickel.

Er habe selbst Proteste gegen die Troika in Athen erlebt. „Vor allem ging es den Griechen dabei um eine Reform im Land“, sagte Hickel. Die Wirtschaftselite sei korrupt, längst nicht alle griechischen Unternehmer zahlten ihre Steuern. „Da besteht ein ganz großer Nachholbedarf.“

Ihre Wirtschaftsprobleme sollten die EU-Staaten gemeinschaftlich angehen, forderte Hickel. „Wir müssen den Binnenmarkt in der EU deutlich ausbauen“, so der Professor.

Er entwarf außerdem die Idee einer Bankenunion mit einem Frühwarnsystem für zukünftige Krisen. „Die Politik muss die Kraft haben, einzugreifen, wenn es notwendig ist.“ Dafür müsste das EU-Parlament weiter gestärkt werden, vielleicht könne man sogar eine europäische Regierung einsetzen.

Im Anschluss konnten die Zuhörer Fragen stellten. Dabei ging es auch um die Mitarbeiterführung bei Enercon. Hickel rügte die Arbeitsverhältnisse als „vorsintflutlich und autoritär“.

Der 72-jährige Wirtschaftswissenschaftler war bis 2009 Direktor des Institutes Arbeit und Wissenschaft (IAW). Er sitzt auf Arbeitnehmerseiten in mehreren Aufsichtsräten und im Beirat von Attac.

Hickel hat die Banken-, Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007 eingehend untersucht. Er gilt als Kritiker von Großbanken.

erschienen:
am 'Freitag, 11. April 2014', in OZ Aurich/Wittmund, Seite 9


 

 



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