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21.08.2019 - 09:22 Uhr

Kriegstote werden zu Friedensvermittlern

Gedenken Zeichen für Völkerverständigung: Russische und deutsche Jugendliche pflegten Kriegsgräber   Für die Teilnehmer des zehnten Deutsch-Russischen Seminars in Aurich ist neben der Kriegsgräberpflege ein Gedanke besonders wichtig

Die russischen und deutschen Jugendlichen reinigten die Grabsteine und Beete der Kriegsgräberstätte auf dem Auricher Zentralfriedhof. Bilder: Kluth

OZ, Donnerstag, 15. August 2019, Seite 18, Aurich-Wittmund



Von Imke Kluth

Aurich - Warum? Diese Frage hat sich Eugenie Shkuleva bereits vor drei Wochen auf einem Soldatenfriedhof in der Normandie gestellt. Die Frage beschäftigt sie noch immer, als sie auf dem Auricher Zentralfriedhof steht. Sie ist eine von 13 russischen Schülern aus Archangelsk, der Partnerstadt Emdens, die am Mittwochvormittag zusammen mit sieben jungen Deutschen Gräber von Kriegstoten gepflegt haben.

Die 19-jährige Shkuleva erzählt: „Auf dem Friedhof in Frankreich habe ich an einem Baum gesessen, hinter dem das Kreuz von einem Soldaten stand, der erst 18 Jahre alt war, als er starb. Ich dachte, da fängt doch das Leben erst an, vielleicht hatte er Pläne für die Zukunft und dann ist auf einmal alles vorbei.“ Sie fügt hinzu: „Es gab und gibt so viel Hass und so viele Missverständnisse.“ Dagegen wolle sie etwas tun. Nach drei Wochen in dem Camp in Frankreich waren die russischen Schüler nun zu Besuch in Aurich: Unkraut jäten, Blätter harken und Grabsteine reinigen für die Völkerverständigung und als aktive Friedensarbeit. Die Kriegsgräberpflege war Teil des zehnten Deutsch-Russischen Seminars im Europahaus in Aurich, veranstaltet vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

In diesem Jahr steht das Seminar unter dem Themenschwerpunkt Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs. Die Schüler haben in Gruppen Texte und darstellerische Beiträge erarbeitet, die sich mit Einzelschicksalen von Zwangsarbeitern oder auch mit der Emder Bombennacht befassen. „Ich bin jedes Jahr wieder überrascht, auf welche Ideen die Jugendlichen kommen, um die Schicksale darzustellen“, sagt Heinz Kleemann vom Volksbund. Die Beiträge führten die Projektteilnehmer am Mittwochnachmittag während einer Gedenkfeier auf, die auf der Kriegsgräberstätte in Tannenhausen stattfand.

Für die Projektleiterin auf russischer Seite, Elena Mitiusheva, sollen die jungen Leute aber nicht nur aus der Vergangenheit lernen. Wenn während des Camps Freundschaften entstehen, ist das ebenso eine Art Friedensarbeit, sagt die Deutschlehrerin.

Den Freundschaftsgedanken nennt auch Valeria Khometscha als einen Grund ihres Engagements. Die 19-Jährige war 2017 das erste Mal in Emden und erzählt, dass sie damals Freunde gefunden habe. „Das Gefühl ist toll, nach Deutschland zu fahren und zu wissen, dass Freunde hier sind, mit denen ich mich treffen kann.“ Nils Hamer aus Aurich freut sich über den Kontakt mit Menschen, den das Projekt ermöglicht: „Man lernt nette Leute kennen und erfährt etwas über russische Kultur.“ Dem 18-Jährigen ist es wichtig, dass die Zeit des Zweiten Weltkriegs nicht vergessen wird. „Besonders jetzt, wo auf nationaler und internationaler Ebene die Politik so gespalten ist, sollten wir uns an die Schrecken des Krieges erinnern“, so Hamer.

Mit Blick auf die Kriegsgräber und das ewige Ruherecht sagt Alwin de Buhr, Mitorganisator des Seminars: „Gräber sind auf ewig. Wenn Frieden auf ewig wäre, wäre das noch schöner.“

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde im Jahr 1919 gegründet. Der gemeinnützige Verein kümmert sich um die Gräber von deutschen Kriegstoten im Ausland. Laut Homepage veranstaltet der Volksbund seit 1953 internationale Jugendbegegnungen und Workcamps.


 

 



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