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17.08.2018 - 12:58 Uhr

Zwangsarbeit in Ostfriesland: Gesichter erzählen Geschichte(n)

Bericht über ein Seminar im Europahaus Aurich vom 07.-08.08.2018   Gefördert wurde die Maßnahme über den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, den Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. - AdB sowie die Stadt und den Landkreis Aurich.

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen hörten Johanne Siebolds-Harms während ihres Vortrags gespannt zu. Bilder: Noglik

Diese Ringe haben russische Kriegsgefangene im Lager hergestellt.

Als Zeichen der Völkerverständigung lagen die deutsche und die russische Flaggen in der Mitte des Stuhlkreises.

Ausgabe 'Aurich-Wittmund', 08.08.2018, Seite 20

Nur ein Zaun trennte sie vom Todeslager Das Kriegsgefangenenlager Tannenhausen

Von Daniel Noglik

Aurich - Wenn Johanne Siebolds-Harms über den Zweiten Weltkrieg spricht, dann klingt das ganze Leid der damaligen Zeit mit: die Angst,
die ständige Gefahr und der Verlust derjenigen, die an die Front zogen und nie wiederkamen. Die heute 88-Jährige lebte als Kind in der Nähe
des Kriegsgefangenenlagers im Auricher Stadtteil Tannenhausen (siehe Infokasten). Am Dienstag berichtete sie im Europahaus 17
Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Aurich und aus dem russischen Archangelsk davon, was im Lager und darum damals vor sich
ging. Der Vortrag war Teil eines zweitägigen Seminars des Auricher Europahauses, des Volksbundes Kriegsgräberfürsorge und der
Projektgruppe der Kriegsgräberstätte Tannenhausen.
„Die bekamen dort kaum etwas zu essen“, berichtete die Zeitzeugin. Deshalb hätten Teile der Bevölkerung den Kriegsgefangenen häufig
Essen zugesteckt. „Ich erinnere mich daran, dass mein Vater denen öfter sein Pausenbrot gegeben hat“, erzählte sie. Dieser habe bei der Bahn
gearbeitet und sei immer am Zaun des Lagers vorbeigekommen.
Sie selbst sei als Mädchen zu schüchtern gewesen, um mit den Gefangenen Kontakt aufzunehmen, sagte sie. „Aber meine jüngere Schwester
war frecher.“ Sie habe den inhaftierten sowjetischen Soldaten Brot gegeben – und sei nicht mit leeren Händen zurückgekehrt. „Sie hat zwei
Ringe bekommen“, sagte die Zeitzeugin. Die Messingringe hätten die Gefangenen aus Patronenhülsen gefertigt. Auch Vögel aus Holz hätten
die Soldaten geschnitzt. „Fast jeder in der Nachbarschaft hatte mindestens einen davon zu Hause.“
Als aufgefallen sei, dass sich ihr Vater um die Gefangenen sorgte, habe eine der Wachen gesagt: „Das sind immer noch unsere Feinde.“ Ihr
Vater habe entgegnet: „In meinen Augen sind das wehrlose Menschen.“
Siebolds-Harms schilderte auch die chaotische Zeit nach dem Sieg der Alliierten: Die Gefangenen waren plötzlich keine mehr und verließen
entgegen der Order der Besatzungsmächte die Lager. „Einmal wurde ein Bauer von ehemaligen russischen Gefangenen überfallen“,
berichtete sie. Er habe die Angreifer zunächst mit seiner Mistgabel abwehren können. „Dann haben sie ihn aber überwältigt.“ Die Soldaten
hätten den Mann in Richtung Lager geschleppt. „Der wurde nie wieder gesehen.“
Auch von einem anderen Mord erzählte die Zeitzeugin: Ein Ladenbesitzer sei getötet worden, weil er keinen Schnaps habe verkaufen können.
„Er hatte keinen Schnaps – aber die Russen vermuteten, dass er ihnen keinen verkaufen wollte.“
Weil viele deutsche Männer im Kriegdienst waren und die Marine Arbeiter beim Marineartilleriezeug amt in Tannenhausen für die
Munitionsherstellung benötigte, wurde 1941 in dem Auricher Stadtteil ein Kriegsgefangenenlager für sowjetische Soldaten gebaut. Geplant
war es für rund 200 Personen, ausgelastet war es bis Mai 1945 im Schnitt mit etwa 150 Personen.
In dem bewachten Lager waren die Gefangenen unzureichend versorgt: Allein im Jahr 1942 starben laut Augenzeugenberichten rund 200
Inhaftierte an Entkräftung und diversen Krankheiten.

 

 


 

 



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