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07.03.2018 - 09:42 Uhr

Renitenz und Durchsetzungsvermögen sind hilfreich

Von Helmut Vortanz   Nur 30 Prozent der Parlamentarier sind weiblich – im Europahaus Aurich sprachen drei von ihnen über ihre Erfahrungen in der Politik   Aurich. Haben 100 Jahre aktives Frauenwahlrecht die Gleichberechtigung in der Politik auf ein akzeptables Niveau gebracht? Mit dieser Frage haben sich am Montagabend im Europahaus in Aurich Politikerinnen aus Ostfriesland beschäftigt. Die Veranstaltung machte deutlich: Auch, wenn ihr Weg in die Politik nicht unterschiedlicher hätte sein können, eins ist den drei Frauen gemeinsam: der Wille, sich selbst einzubringen und etwas zu verändern, gepaart mit einer gehörigen Portion Durchsetzungsvermögen.

Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann (CDU, von links), Landtagsabgeordnete Hillgriet Eilers (FDP), Moderatorin Heike-Maria Pilk sowie Grünen-Ratsfrau und Kreistagsabgeordnete Gila Altmann sprachen über 100 Jahre aktives Frauenwahlrecht. Foto: Vortanz

Deutlich wurde weiter: Es gab viele Gemeinsamkeiten für das politische Engagement: Eine Portion Renitenz und der Wille, sich nicht in Schubladen pressen zu lassen, sind ebenso erforderlich, wie die Bereitschaft, als öffentliche Person zu agieren. Von einer Gleichberechtigung in der Politik ist Deutschland noch weit entfernt. Nur rund 30 Prozent der Parlamentsmitglieder sind weiblich. In anderen Ländern liegt der Anteil zwischen 50 und 60 Prozent.

Im Rahmen der Auricher Frauenwochen hatte der Club Ostfriesland-Norden des Frauennetzwerks Soroptimist International Deutschland (SID) vier ostfriesische Politikerinnen eingeladen, um über ihre Erfahrungen zu berichten. Die SPD-Landtagsabgeordnete Johanne Modder aus Bunde konnte wegen einer Erkrankung nicht teilnehmen. Das gab der Bundestagsabgeordneten Gitta Connemann, der FDP-Landtagsabgeordneten Hillgriet Eilers sowie der Auricher Grünen-Stadträtin und Kreistagsabgeordneten Gila Altmann mehr Raum, ihre Beweggründe für den Eintritt in die Politik zu erläutern. Leider waren nur rund 35 Besucher zu der Veranstaltung gekommen, die von der Leiterin des Europahauses Heike-Maria Pilk moderiert wurde.

Nach einer Begrüßung durch die Präsidentin des Clubs Ostfriesland-Norden, Eva Requardt-Schohaus, erzählten die Politikerinnen, wie sie zur Politik gekommen sind, ob und wie sie von ihren Eltern unterstützt wurden und welche Erfahrungen sie im Umgang mit ihren weiblichen und männlichen Kollegen gemacht haben.

Gitta Connemann wurde von ihren Eltern auf den künftigen Weg vorbereitet. „Du kannst dich ständig aufregen, aber ändern kannst du nur etwas, wenn du dich wählen lässt“, hatte ihr Vater in frühen Jahren zu ihr gesagt. Sie trat in die CDU ein und wurde in der Samtgemeinde Hesel mit 36 Jahren Vorsitzende des Jugendausschusses. Auf ihre Frage nach dem damals größten und schwierigsten Projekt, hörte Connemann nach eigenen Angaben nur: „Das wirst du nicht schaffen.“ Es ging um das völlig abgewirtschaftete Jugendzentrum. Nach zwei Sitzungen in dem ungeheizten Gebäude ohne sanitäre Anlagen wurde das Haus verkauft und ein neues Jugendzentrum gebaut. Noch heute ist das Gebäude für sie das Symbol für ihren Anspruch, etwas zu verändern.

Für Hillgriet Eilers war nach dem Studium der Sinologie (Kultur und Sprache Chinas) der Aufenthalt in China prägend für ihre Entscheidung, sich aktiv in der Parteipolitik einzubringen. „Meine männlichen Kollegen hätten mich gerne – dem Frauenbild entsprechend – als Schriftführerin oder im Sozialbereich gesehen“, sagte sie. Letztlich habe sie sich auf Kreis- und Landesebene durchgesetzt, auch wenn sie immer wieder angeeckt sei, wenn es um Posten ging, die von Männern besetzt waren.

Gila Altmann stammt aus der Turnschuhgeneration. Themen wie Gorleben, Frauenbewegung oder Waldsterben waren ihre Themen. Sie war von 1994 bis 1998 verkehrspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und in den Jahren von 1998 bis 2002 Parlamentarische Staatssekretärin bei Jürgen Trittin, Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im Kabinett von Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Altmann lebte mit dem Konflikt, entweder die Welt zu retten oder sich um ihre Familie zu kümmern. „Die Frage nach der Vereinbarkeit von Politik und Familie wird übrigens nur den Frauen gestellt“, sagte die Auricherin Gila Altmann.

Quelle: 'Ostfriesische Nachrichten', 07.03.2018, Seite 5

 

 


 

 



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