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Das Haus "Wallheimer"

Zur Namengebung für eine Bildungs- und Begegnungsstätte von Johannes Diekhoff

Auf dem Areal der Deutsch-Niederländischen Heimvolkshochschule in Aurich, dem Europa-Haus, waren ehedem vier Familien ansässig, drei davon als Hauseigentümer: an der von-Jhering-Straße und am Collmannsgang die Familie Johann de Pottere, sich westlich anschließend Haus und Grundstück der Familie Tischlermeister Albert Claaßen und die Besitzung der Familie Benjamin Wallheimer.

Das Wohnhaus der Familie Wallheimer hatte nach dem Adressbuch der Stadt Aurich aus dem Jahre 1926 die Hausnummer Breiter Weg 1. Wohl als Haushaltsvorstände sind genannt: Wallheimer, Wilhelm, Schlachter und Viehhändler sowie Cohen, Abraham M., Schlachter und Viehhändler. Das Haus beherbergte demnach um das Jahr 1926 zwei Familien, Wallheimer und Cohen. Diese waren jüdischen Glaubens und Mitglieder der Synagogengemeinde Aurich. Die für ihr Gewerbe benötigten Stallungen und das Schlachthaus erstreckten sich als niedrigere Gebäude vom Wohnhaus in Richtung der späteren Besitzung Claaßen, schlossen also die Baulücke am Breiten Weg und setzten sich an der westlichen Grundstücksgrenze in Richtung Collmannsgang als langgestrecktes Scheunengebäude fort.


Die heute am Breiten Weg auf diesem Grundstück vorhandene mächtige Pappel ist Zeitgenossin und Zeugin der Geschehnisse und Begebenheiten, an welche erinnert werden soll. In der großen Gruppe ehemaliger Auricher Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens, die im Mai 1992 der Einladung zum Besuch der Geburts- und Heimatstadt folgen konnte, waren auch Max Cohen aus Queensland in Australien, geboren 1921 im am Hause Breiten Weg 1 und Berni Wallheimer, geboren 1925 im Hause Breiter Weg 1, jetzt in Israel lebend. Beide haben im Mai 1992 nach mehr als 50 Jahren ihre Geburtsstätte wieder aufgesucht und, von Erinnerungen bestürmt und bedrängt, ihre Kindheit und Jugend in Erzählungen wieder erstehen lassen.


Eigentümerin von Grundstück und Wohnhaus Breiter Weg 1 war nachweisbar seit 1888 die Familie Wallheimer. Vorbesitzer war ab 1855 der Maurermeister F. Müller. Dieser hatte das auf dem Grundstück vorgefundene alte Haus des Buchdruckereigehilfen Hörmann im gleichen Jahre abgerissen und an dessen Stelle ein Wohnhaus errichtet, das seinem Beruf Ehre machte und dessen Bauzeichnung und bildliche Wiedergabe uns in Kopien vorliegen.


Auf Joseph Wallheimer, Viehhändler, folgte 1897 dessen Sohn Benjamin Wallheimer als Besitzer und Gewerbenachfolger. Mit ihm scheint die Familie hier ihre Blütezeit erlebt zu haben. Von dem Patriarchen und seiner Frau Eva, geborene Herzberg, die in diesem Haus 21 Kinder gebar, von denen nur 10 über das Kindesalter hinausgelangten, wurde uns von seinem Enkel Benno Wolffs aus Atlanta/USA, geboren 1910 im Hause Wallstraße 14, ein Foto geschenkt. Ein jüngerer Enkel, Berni Wallheimer, konnte ein Ölgemälde mit nach Israel retten, welches das Wohnhaus am Breiten Weg so zeigt, wie es wohl um die Jahrhundertwende ausgesehen haben mag. Vom Original ließ Berni Wallheimer in Israel extra von Meisterhand eine Kopie fertigen, die er dem Europa-Haus schenkte im Gefühl der Freude und der Genugtuung darüber, dass das umgestaltete Hochschulgebäude am alten Ort nun den Namen „Haus Wallheimer“ tragen sollte. Es wird übrigens vorerst das einzige Gebäude in Aurich sein, das mit seinem Namen an die vertriebenen jüdischen Bürger dieser Stadt erinnert. Einst wurden insgesamt 77 Häuser von ihnen bewohnt.


Im Gegensatz zu den meisten anderen der Auricher Synagogengemeinde zählte diese Familie Wallheimer zu den wenigen als gut situiert zu bezeichnenden. Ende der 50er Jahre wurde ich erstmals angesprochen wegen des „Judenhauses“, das an dieser Stelle am Breiten Weg gestanden habe. Bewohner dieses Stadtteils berichteten mir, dass sie als Kinder und Jugendliche oft bei Wallheimers gewesen seien, um Milch für die Familie zu holen. Der Alte, wohl Patriarch Benjamin, habe peinlich darauf geachtet, dass die gewünschte Menge auch exakt in die Gefäße gefüllt wurde. Am Scheunenausgang habe Frau Wallheimer gestanden, das Geld in Empfang genommen und, sicher, dass ihr Mann dies nicht gewahrte, fast immer einen Nachguss als Zugabe in den „Melkaker“ getan. Dies jeweils mit einem mütterlichen Lächeln.


Nachfolger in Besitz und Gewerbe des Patriarchen wurde sein Sohn Wilhelm Wallheimer, geboren dort am 22.3.1897, verheiratet mit Reizi (Resi), geboren am 12.2.1899 in Kossow. Bei der ersten Kommunalwahl zur Zeit des III. Reiches am 12.3.1933 hat dieser mit seinem Schwager Abraham Wolffs, Wallstraße 14, und mit Benjamin Samson, Zingelstraße 7, auf der Liste „Handel und Gewerbe“ für den Rat der Stadt kandidiert. Sie errangen insgesamt 220 Stimmen, was ihnen jedoch kein Mandat wieder einbrachte. Sie hätten ein solches auch gar nicht mehr wahrnehmen dürfen, weil ein eiligst erlassenes Gesetz der neuen Machthaber Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten kurzerhand von einer Mandatsausübung ausschloss.


Wie sehr durch weitere Gesetze und Maßnahmen der neuen Machthaber die
Existenzmöglichkeiten und Rechte auch der jüdischen Bürger Aurichs eingeschränkt wurden, wird als bekannt vorausgesetzt. Die Familie Wallheimer im Hause Breiter Weg 1 hatte in den Jahren davor zudem ein ganz persönliches Unglück getroffen. Als Senior Benjamin am 17.6.1923 gestorben war - so haben Nachkommen berichtet - sei wenige Zeit danach auch dessen Frau Eva, geborene Herzberg, erkrankt. Die Angehörigen ließen für deren Heilung nichts unversucht und konsultierten beste Ärzte weit und breit. Die Erkrankte starb am 3.4.1926. Das überkommene Vermögen war fast aufgezehrt.

Die für Juden widrigen Umstände im III. Reich taten ein übriges und im Jahre 1935 endete alles in einer Zwangsversteigerung. Deren Nutznießerin wurde die Stadtsparkasse Aurich.

In einem Gutachten vom 22.4.1936 hat sich der Auricher Architekt Deichgräber wie folgt geäußert: „Meine Untersuchung des früheren Wallheimerschen Hauses in Aurich, Breiter Weg, hatte zum Ergebnis, dass ich nicht zu einer Reparatur oder einem Umbau raten kann, da das Haus in dem Mauerwerk und den Holzkonstruktionen derartig Faul und morsch ist und zur Unterkunft von Menschen nicht mehr dienen kann, so dass ich das Haus als baufällig erklären muss“. Damit war das Urteil gefällt, und der Abbruch wird bald darauf vorgenommen worden sein.


Die Familie Wallheimer fand Unterkunft im Hause Lilienstraße 8. Dort war sie noch im Jahre 1939 registriert. Der Vater, Wilhelm, wurde als Arbeiter klassiert und zwangsbeschäftigt. Am 10.3.1940 musste auch diese Familie im Zuge der Zwangsräumung Ostfrieslands von Juden ihre Heimat unter demütigenden Umständen verlassen. Sie fand eine ungewisse Bleibe in Berlin. Nach ihrer späteren Deportation von dort nach Auschwitz gelten das Ehepaar Wilhelm Wallheimer und ihre Kinder Horst, geboren in Aurich 3.5.1928 und Vera, geboren in Aurich 14.12.1930, als verschollen. Sie zählten mit insgesamt 284 ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern zu den Opfern einer Periode deutschen Rassenwahns und deutschen Minderheitenhasses.


Diese Geistesverwirrung , die Völkermord tolerierte und zu bewerkstelligen half, wurde auch geschürt und genährt in einer Erwachsenenbildungseinrichtung in Aurich, die damals als Ostfriesische Bauernhochschule firmierte und im Seminargebäude an der Oldersumer Straße ihr Domizil hatte. Der spätere Präsident der Ostfriesischen Landschaft, Exzellenz Dr. Georg von Eucken-Adenhausen vom Sielhof in Neuharlingersiel, war einer ihrer eifrigsten Förderer.


Kurz nachdem auch die Familie Wallheimer mit allen anderen jüdischen Glaubens aus Aurich und ganz Ostfriesland vertrieben war und der militärische „Präventivschlag“ auch die benachbarten Niederlande traf, ließ er in seiner Eröffnung der Ständeversammlung am 10. Mai 1940 im Landschaftssaal zu Aurich verlauten: „Es bestehe kein Kriegsgrund zwischen dem englischen und französischen Volk und dem deutschen, sondern ein maßloser Hass Judas gegen Siegfried, also des Judentums gegen christlich-germanischen Schöpfergeist. Jedoch unterschätze Judas die Kraft Siegfrieds“ (ON v. 11.5.1940). Kaum 100 Meter Luftlinie vom Breiten Weg wohnte bis zur Vertreibung im Frühjahr 1940 die jüdische Familie Samson im Hause Rudolf-Eucken-Allee 4. Dort, wo sich heute die Kaufhalle befindet. Zwei Angehörige dieser Familie konnten 1938/39 in die Niederlande entkommen, und nach der Besetzung Hollands im Mai 1940 hat eine Moorbauernfamilie in der Provinz Drenthe diese dort „Untergetauchten“ bis zum Frühjahr 1945 unter größter Gefahr für ihr eigenes Leben beherbergt und gerettet.


Im Jahre 1981 schrieb mir die so überlebende ehemalige Auricherin Resi Samson, dringend vom Wunsch Abstand zu nehmen, mit der holländischen Familie Kontakt zu bekommen. Ihre Begründung damals macht heute, 1992, noch betroffener: Sie lebe nach den Jahren im Versteck noch in ständiger Angst, dass die schrecklichen Ereignisse sich wiederholen könnten. Sie glaube, besonders auch in jüngster Zeit beunruhigende Anzeichen dafür wahrgenommen zu haben. Namen ihrer Retter und den Ort ihrer Rettung wolle sie nicht preisgeben, da eine „Zukunft denkbar wäre, in der jemand, der jüdische Menschen verborgen und am Leben erhalten habe, dafür mit seiner Familie büßen müsse.“


Die Familie de Pottere suchte und fand im 16. Jahrhundert in Ostfriesland Asyl und ersehnte Glaubens- und Seinsfreiheit! Ihr wurde mit Mitmenschlichkeit begegnet. Die lohnende Rechnung, dass sich diese Haltung auch noch sehr gut bezahlt gemacht habe, wurde erst viel später aufgemacht. Solche Rechnung mag auch in heutiger Zeit und Situation anders nicht Belehrbare beeindrucken. Die Deutsch-Niederländische Heimvolkshochschule auf diesem Stück Erde um das de Pottere-Haus ist dem Beispiel der damaligen Asylgewährung verpflichtet und dem Geist, der die damals Handelnden beseelt hat.


Wir leben nun wieder in einer Phase sich ausbreitenden Fremdenhasses und
Minderheitenverfolgung. Wir haben beschlossen, dieses Gebäude „Haus Wallheimer“ zu nennen und damit auch bewusst und vorsätzlich auf das bekannte Ende mit Schrecken hinzudeuten, zu welchem solcher Wahnsinn uns schon einmal geführt hat und uns wieder abgleiten lassen kann.


Haus Wallheimer - ein Name gegen das Vergessen!

Haus Wallheimer - ein Name für den Glauben, dass wir Menschen aus unserer Geschichte zu lernen vermögen.


Auszug aus einem Vortrag, den der Autor, von 1956-1966 Leiter, seitdem Vorstandsmitglied der Schule, anlässlich der feierlichen Namensgebung für die Deutsch-Niederländische Heimvolkshochschule Aurich (Europahaus) am 3.11.1992 unter der Überschrift „Haus Wallheimer - Warum?“ gehalten hat.

 

 

 



 

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