Sie sind hier:  Europahaus  > Über uns  > Geschichte...  > Das Haus "...

Das Haus "Klaassen"

Das Haus "Klaassen"
von Johannes Diekhoff

Mit der Familie Klaassen, unter den anderen, den de Pottere’s, den Wallheimers und den Harnischmachers die einzige eingeborene, verbindet uns die Erinnerung an eine etwa 2 Jahrzehnte währende sehr lebendige Nachbarschaft. Herr Albert Klaassen, geb. 30.8.1898 im Hause Aurich, Marktstraße 10, gestorben in Aurich am 15.1.1974, hatte den Tischlerberuf erlernt, dies bei Meister Mennsen in Aurich am Ostertorplatz. Als 25-jähriger bestand Albert Klaassen seine Meisterprüfung, und er machte sich im gleichen Jahre selbständig und gründete zudem durch die Heirat mit Etje Hippen aus der Osterstraße eine Familie. Dieser entsprossen 2 Kinder, Wilma Cassens, geb. Klaassen, * 1925, und Heinrich Klaassen, * 1928, von Beruf Architekt.

In den Jahren 1946 - 1965 nahm Albert Klaassen das ehrende Amt eines Obermeisters der Tischlerinnung Aurich wahr. Viele nachgewachsene Berufskollegen verdanken ihm, ihrem Meister, in dessen Betrieb Ausbildung und späteren Arbeitsplatz. Mit der Tischlerei wechselte Albert Klaassen die Handwerkssparte; sein Vater war Schneidermeister. Das Ehepaar Klaassen wohnte im Hause Marktstraße 10; bis zum Frühjahr 1940 mit zahlreichen Nachbarn jüdischen Glaubens. In dem Eltern- und Wohnhaus von damals ist heute die Spedition und das Bestattungsunternehmen van Halle ansässig. Als Arbeits- und Produktionsstätte mietete Albert Klaassen das Nebengebäude des Hauses Nr. 7 am Breiten Weg von der Witwe Henning und richtete dort seine Werkstatt ein. Seitdem war er mit der Familie de Pottere und der Familie Wallheimer benachbart. Er konnte später auch das kleine Vorderhaus mit dem Werkstattgebäude von den Hennings - einer alten
Auricher Bauunternehmerfamilie - erwerben, aber erst 1949 seinen Plan verwirklichen, auf der Stelle des alten ein neues Wohnhaus zu errichten und mit seiner Familie dort auch zu wohnen. So waren endlich Arbeitsstätte und Wohnplatz am Breiten Weg vereinigt.

Die von mir erlebte sehr intensive Nachbarschaft begann 1956 mit der Eröffnung der Deutsch-Niederländischen Heimvolkshochschule im „Landschaftlichen de Pottere-Haus“. Sie dauerte etwa bis 1970. Diese Nachbarschaft möchte ich eine wahrhaft „symbiotische“ nennen. Bildungsstätte und Tischlerei lebten nicht nur neben- und miteinander, nein sie lebten auch voneinander. Das soll kurz erläutert werden:
Unsere Kursisten waren in den Anfangsjahren überwiegend jünger als heute. Wir waren mehr Jugend- als Erwachsenenbildungsstätte. Die Veranstaltungsform war vornehmlich Jugendbegegnung in Gestalt von ostfriesisch-groningischen Klassenbegegnungen, an denen sich fast alle Gymnasien, Berufsschulen und Realschulen diesseits und jenseits der Grenze beteiligten. Dazu kamen Studienwochen mit Pädagogikstudenten aus den niederländischen Provinzen Groningen, Drenthe und Friesland. Alles Leben und Treiben spielte sich im damals einzig verfügbaren Gebäude von-Jhering-Straße 33 mit Saalanbau ab. Dort übernachteten, wurden beköstigt, zu intensiven Gesprächen geleitet bis zu 60 junge Niederländerinnen und Niederländer mit ihren ostfriesischen Partnerinnen und Partnern. Das Durchschnittsalter war wohl 16 - 17 Jahre. Eine Menge Jugend, stets trunken ohne Wein, mit unbändiger Lebenslust und ungebremsten Bewegungstrieb! Die Nächte waren nicht zum Schlafen da. Geschlafen wurde erst, wenn die Müdigkeit einen narkotisch überfiel! In den wenigen Schlafräumen waren bis zu 17 Betten vorhanden; manchmal dreistöckig mit Steigleiter. Besonders die niederländischen Jungen und Heranwachsenden zeichneten sich durch Bewegungsdrang ohne Feingefühl während der Nächte aus und steckten ihre ostfriesischen Genossen an. Da ging in jeder Nacht manches Möbel buchstäblich zu Bruch!

Und diese mussten am folgenden Abend wieder benutzbar sein!
Da war es ein wahres Glück für uns, eine Tischlerei benachbart zu haben und in Obermeister Klaassen einen an rasche Einsätze gewohnten Handwerksmeister! Er war seit 1923 an zunehmend führender Stelle auch in der Auricher Feuerwehr tätig!

Mir kam zu Ohren, dass der Klaassen’sche Betrieb damals unter dem Druck der
Reparaturaufträge aus dem de Pottere-Haus extra einen zusätzlichen Gesellen eingestellt habe; dies blieb allerdings unverbürgt. Der Obermeister Klaassen stieß in das Ruhestandsalter vor, und im Zuge der zunehmenden Umwandlung der Bildungsstätte von Jugend- auf Erwachsenenbildung schwand der geschilderte spezifische „Standortvorteil“. Der an diese Einsätze gewohnte und in ihnen geschulte und bewährte Altgeselle, Karl Reuß, übernahm den Klaassen’schen Betrieb, siedelte ihn aber aus nach Sandhorst an die Tannenhausener Ehe. So war für uns der Weg frei, Mitte der 70er Jahre das Anwesen von den Klaassen-Kindern Wilma und Heinrich zu erwerben. Dies zu einem Preis, den wir angemessen nennen dürfen und den zu zahlen, der Trägerverein sich auch in der Lage sah. Damit wurde auf diesem Areal der Auricher Norder-Vorstadt auch eine Tradition beendet: Bereits im Jahre 1855 baute benachbarter Tischlermeister Collmann - daher auch Collmannsgang - auf unserem Areal eine Scheune; geriet später in Konkurs, aus dessen Masse der Gutsbesitzer Metger, Vater der Deddina de Pottere, geb. Metger, dann das spätere Anwesen de Pottere um 1863 erwarb, in dessen Haus, heute von-Jhering-Straße 33, dann dessen Witwe, geborene Kempe gewohnt haben mag, so wie später deren Tochter Deddina mit ihrem Sohn Johann de Pottere ihr Zuhause fand. Benachbart im Norden, am Breiten Weg im Haus Nr. 1, wohnte und wirkte um 1850 der Maurermeister Müller, bis sein Besitztum von der Familie Wallheimer erworben wurde, aus deren Verwandtschaft wir eine Abbildung des stattlichen Wohnhauses aus der Zeit des Maurermeisters Müller besitzen. Und im späteren Anwesen der Familie Klaassen, vordem Bauunternehmer Friedrich Henning, wohnte und wirkte um 1850 der Maurergeselle B.A.W. Kramer. Albert Klaassen war somit der letzte in dieser Handwerkertradition auf diesem Gelände der Norder-Vorstadt.

Und nun noch eine pikante Anmerkung:
In der fast ganzen turbulenten Zeit eines durch uns für die Tischlerei Klaassen gesicherten Auftragsbestandes war der Emder Johann Bruns mein Kollege und Nachfolger. Dies von 1958 - 1970. Mich hat gewundert, dass er den Obermeister bei Begegnungen stets mit „Unkel Albert“ anredete. In der damaligen Hektik bin ich den Gründen solcher Vertrautheit nicht nachgegangen oder habe sie nicht bewusst zur Kenntnis genommen. Solches habe ich erst jetzt nachholen können. Frau Etje Hippen, verheiratete Klaassen, war die chwester der Mutter von Johann Bruns, und somit war „Unkel Albert“ eine unbestreitbar berechtigte Anrede. Auch dieser Umstand verwandtschaftlicher Verknüpfung mag förderlich gewesen sein, als unser Trägerverein das Anwesen erwerben konnte.

Dies alles mit allem nun wissend, mögen Sie mit uns für sinnvoll und berechtigt halten, den jetzigen Gebäuden dort und den künftigen am selben Ort den Namen „Haus Klaassen“ verliehen zu haben.

Auch eingedenk der Erfahrungen im Sinne des ostfriesischen Sprichwortes:
„En gode Nahbar is mehr weert as en feerne Fründ!“

 

 

 



 

IMPRESSUM© C-CONSULTING MEDIA GMBH