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Botaniker Hermann Harnischmacher (1883-1958)

Ein weiterer Namengeber für ein Haus der Heimvolkshochschule in Aurich
von Johannes Diekhoff

Auch die Familie Harnischmacher kam, wie de Pottere und Wallheimer, als Fremde nach Ostfriesland. „Wir haben sie nicht gerufen!“ So wurde ihr zu Anfang in Aurich mit vielsagender Kühle entgegnet. Nun haben wir (der Verein Deutsch-Niederländische Heimvolkshochschule) unser Haus, von-Jhering-Str. 35, nach Hermann Harnischmacher benannt. Hermann Harnischmacher hat sich in langen Jahren beruflicher und außerberuflicher Tätigkeit nach anfänglicher Ablehnung volle Dazugehörigkeit und Heimatrecht erworben. Die Ostfriesische Landschaft verlieh ihm im Jahre 1950 mit dem Indigenat das ostfriesische Ehrenbürgerrecht „in Anerkennung seiner großen Verdienste um die Wasserwirtschaft und Naturpflege“.

Mit diesem Areal der Auricher Norder-Vorstadt, dem Grund und Boden des Vereins Deutsch- Niederländische Heimvolkshochschule, ist er durch eine späte ganz besondere Lebensleistung verbunden. Er war Anreger und Schöpfer des Botanischen Gartens des Heimatvereins Aurich auf dem damals der Ostfriesischen Landschaft gehörenden Gelände. Dieser Botanische Garten mit seiner pflanzensoziologischen Abteilung, dem Kulturgartenteil, dem Vogelhaus und dem Schildkrötenterrarium entstand durch weitgehend persönliche Sammel- und Pflanzleistung des Herrn Harnischmacher mit wenigen Helferinnen und Helfern vom Spätsommer 1951 bis zum Herbst 1952. Eingehende Beschreibung und Fotos im Archiv der Ostfriesischen Landschaft geben Einblick; ein gedruckter Führer mit Lage- und Einteilungsplan sowie mit Aufzählung aller heimischen Pflanzen, die dort ihren Platz hatten, lässt das Gewesene noch einmal nachvollziehen.

Diese in Ostfriesland einzigartige Schöpfung des Herrn Harnischmacher konnte aus 3 Gründen ihr Jahrzehnt nicht überdauern: 1. Die Pflanzengesellschaften wie z. B. Teich, Niederungs- und Hochmoor, Heide, Wald verschiedener Art, Düne hatten zu wenig Raum und ließen sich nur unter größter Aufmerksamkeit und Mühe durch Herrn Harnischmacher entmischt halten. 2. Regierungs-Oberinspektor i. R. und Wiesenbaumeister Harnischmacher und der Heimatverein Aurich konnten, ja mussten davon ausgehen, dass es einen so selbstlosen und sich fast aufopfernden Gärtner im wahrsten Sinne des Wortes als Nachfolger nicht geben werde. 3. Die seit 1956 im de Pottere-Haus eröffnete Deutsch-Niederländische Heimvolkshochschule brauchte den Garten als Bewegungsraum für die zumeist jugendlichen Begegnungsteilnehmer und für dringend notwendig werdende Erweiterungsbauten.

So hat Hermann Harnischmacher das Glück nur wenige Jahre genießen können, seinen Botanischen Garten zu planen, zu realisieren, in Wuchs und Blüte zu erleben, viele interessierte und dankbare Einzelbesucher und Gruppen sachkundig zu führen im Sinne dessen, was er einmal so formulierte: „Hier ist der Ort, wo man die freie Natur zu verstehen lernt und in die ... Seele der Keim für eine gewisse Naturverbundenheit gelegt werden kann.“

Unter den Besuchergruppen waren auch Gymnasiasten und Studenten aus den Niederlanden. Ihr Programm kündigte oft für den folgenden Tag eine Führung durch den Botanischen Garten mit Herrn Harnischmacher an. Des Nachts standen einige junge Leute auf und vertauschten bei vielen Pflanzen die Namensschilder. Am nächsten Tag fand Herr Harnischmacher während der Führung dann seine Pflanzenweltordnung total durcheinander. Nach Aufklärung durch mich über solchen Frevel flog ein verzeihendes Lächeln über Herrn Harnischmachers Gesicht, und er sagte dann: „Hab mir’s schon gedacht! Auch ich war einmal jung!“

In der Vorbemerkung zu dem von ihm verfassten Führer heißt es u. a.: „In dem stark vernachlässigten Garten waren zunächst erhebliche Rodungsarbeiten durchzuführen..“ (Die Folge der ganz speziellen Düngungsmethode des Johann de Pottere über wohl mehr als 10 Jahre: Allmonatliche Entleerung des Fäkalienkübels durch Arbeiter ohne Verteilungsplan. D. Verf.) „Von den viele Bäumen und Sträuchern sind stehen geblieben: die Blutbuche..., die Stechpalme, die Platane und der Walnussbaum.“ Diese genannten Baumveteranen haben nun auch den Botanischen Garten und alle Bau- und Umgestaltungsmaßnahmen bis heute verdientermaßen überdauert.

Ich habe in den Anfangsjahren dieser Heimvolkshochschule, 1956-1957, mit Hermann Harnischmacher, einem freundlichen und sachkundigen Herrn, auf diesem Gelände manches Gespräch führen dürfen. Wenn er mit neuer Pflanzenbeute auf dem Gepäckträger seines Fahrrades nach hier von beschwerlicher Pirsch durch kaum zugängliche Refugien Ostfrieslands heimkehrte, oft begleitet von Frau Buck, und nachdem alles der Erde an seinem Platz in der pflanzensoziologischen Gesellschaft anvertraut war, ließ er sich gerne in die Küche des de Pottere-Hauses zu einer Tasse Kaffee einladen. Und den Genuss seiner geliebten Tabakspfeife phasenweise unterbrechend, berichtete er von seinen Streifzügen, von seinem Leben, von seiner Weltanschauung.

 Darüber konnte ich mich nun endlich nachlesend vergewissern anhand der Aufzeichnungen seines Schwiegersohnes Peter Bellinghausen, dessen Witwe und Harnischmachers Tochter uns diese, wie sie sagte, in dankbarer Freude überließ. Daraus nun, in gebotener Kürze, die Lebensstationen von Hermann Harnischmacher; fürwahr Stationen eines Lebens im Bedingungsrahmen der deutschen Geschichte seiner Zeit.

Geboren wurde er am 20.11.1883 in Buschgotthardshütten, einem ehemaligen Wohnplatz der Stadt Siegen. Seine Vorfahren haben, wie der Name besagt, einst in den Hammerschmieden des Sauerlandes Ritterrüstungen, Harnische, angefertigt. Der Vater war Kanzlist am Amtsgericht in Siegen; die Mutter „Rica“ Wolf, war die Tochter eines frühverstorbenen Schreinermeisters.

Nach der Volksschule besuchte Hermann Harnischmacher die Wiesenbauschule in Siegen. Danach trat er in den Dienst der preußischen Wasserwirtschaftsverwaltung. Am Niederrhein nahm er seine berufliche Tätigkeit auf. Darüber hat er selbst sich wie folgt geäußert: „Ich wurde zunächst mit verschiedenen Bauausführungen im Raum Cleve-Emmerich-Wesel beauftragt. Es war eine mir fremdartige Welt, die ich betrat. So schnell habe ich, der ich in einem bergischen Land groß geworden war, mich in der weiten Ebene des Niederrheines, dem nach dem ersten Eindruck nur die Pappeln und Weiden an den Wasserläufen einige Abwechslung zu geben schienen, nicht wohl fühlen können. Doch bald fesselte mich das Neue und Interessante, das ich kennen lernte. Da gab es zunächst eine bedeutend vielfältigere Vogelwelt, als sie mir vom Mittelgebirge her vertraut war. Beeindruckend waren die bisher nie gesehenen Flugbilder der Reiher und Störche. Hochinteressant war vor allem die reiche Fauna und Flora in den fischreichen Altarmen des Rheins. Und die Landwirtschaft auf den fruchtbaren Flussmarschböden war nicht zu vergleichen mit der kärglichen in der Heimat. Alles, alles war so ganz anders als im heimischen Siegerland.“

„Meine erste Aufgabe war es, zwischen Cleve und Nymwegen dicht an der holländischen Grenze im Jahre 1904 ein schwimmendes Niederungsmoor zu entwässern.. Schon damals fühlte ich, dass mit dieser Maßnahme ein Stück urwüchsiger Natur vernichtet wurde.“

Nach Ableistung der Militärdienstpflicht wurde Harnischmacher im Jahre 1909 an das Meliorationsbauamt in Czernikau in der damaligen Provinz Posen versetzt. Dort heirateten er und Clara Gissing, die sich am Niederrhein kennen gelernt hatten. Hermann Harnischmachers berufliches Tätigkeitsgebiet waren Netzetal, Netzebruch und die Seen im baltischen Höhenrücken. Er hat selber darüber ausführlich schriftlich berichtet und zu erkennen gegeben, wie sehr er bei allem erwog, wie weit der Mensch in das Gefüge der Natur eingreifen dürfte, ohne überwiegend negative Folgen, wobei der Eingreifer Mensch sich selbst und seinen Nachkommen langwirkende Schäden zufügt.

Nach dem I. Weltkrieg mit dem Verlust der Provinz Posen für das Deutsche Reich kam Harnischmacher als 36-Jähriger nach Aurich-Ostfriesland. Nach dort hatte ihn der preußische Landwirtschaftsminister versetzt. Es war das Jahr 1919. In dem um das Jahr 1950 niedergeschriebenen Lebensbericht steht unter der Überschrift „Mit Nivellierinstrument und Jagdwaffen durch Norddeutschland und insbesondere durch Ostfriesland“ im Vorwort u. a. dies zu lesen: „In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts erfuhr das Leben in nahezu allen Bereichen einen tiefgründigen Wandel. Vielfach in Unkenntnis der Gesetze der Natur und, ohne die Großartigkeit, die Vielfalt und die Schönheit der Schöpfung wahrzunehmen, greift der Mensch, dem die Naturverbundenheit der Vorfahren weitgehend abhanden gekommen ist, in die natürliche Landschaft ein. Immer mehr beschnitten wird dadurch der Raum für die in freier Natur lebenden Pflanzen und Tiere. Zwar zwingt ihn in unserer deutschen Heimat dazu die Tatsache, dass der Lebensraum enger geworden ist. Aber es fehlt oftmals doch an der nötigen Ehrfurcht vor der Schöpfung.“ Über seine Ankunft in Aurich steht dann zu lesen:

„Wenn man damals vom Süden her mir der Eisenbahn nach Aurich reiste, landete man auf dem unfreundlichen, kaum windgeschützten Bahnsteig Abelitz. Bei Windstärke 8 dort auf den Anschlusszug nach Aurich wartend, kamen mir doch Bedenken, ob ich mich mit meiner Familie hier wohl fühlen könne. Doch als ich, am nächsten Tag aus dem Fenster des Piqueurhofes hinaus auf das Grün der Stadtanlage schaute, wurde es mir schon ein bisschen wohler ums Herz. . . Im Jahr 1919 waren wir drei Beamtenfamilien, die aus dem Osten nach Aurich verschlagen wurden, und wir waren gar nicht willkommen. Der damalige Bürgermeister meinte: „Wir haben Sie nicht gerufen“, und man kümmerte sich in keiner Weise um uns. Wir aber waren froh, wieder einen bleibenden Platz zu haben und gewöhnten uns schnell ein, wie man sich auch an uns gewöhnte.“

Mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte Hermann Harnischmacher wirkend in seiner neuen Heimat. Die Indigenatsbegründung der Ostfriesischen Landschaft vom Jahre 1950 gibt einen Einblick: „Er hat hervorragenden Anteil an zahlreichen Planungen und an der Durchführung umfangreicher und wichtiger Meliorationsunternehmungen, so z. B. an der ersten Eindeichung der Leybucht im Jahre 1929, an den Großschöpfwerken in Borssum und Oldersum und an der Melioration der Leda-Jümme-Niederung. Über diese Aufgaben hinaus wirkte Herr Harnischmacher als Kreisbeauftragter für Naturschutz im Kreise Aurich. In Wort und Schrift hat er unermüdlich für die naturkundliche Aufklärung der heimatlichen Bevölkerung gesorgt. Trotz des verdienten Ruhestandes ist Herr Harnischmacher noch heute unermüdlich tätig auf dem Gebiete der Wasserwirtschaft und des Naturschutzes. Er hat die Eigenart Ostfrieslands kennen gelernt, sich die Achtung der Bevölkerung Ostfrieslands in reichem Maße erworben. Landschaft, Land und Leute sind ihm so eng verbunden, dass Ostfriesland als seine zweite Heimat durch die Verleihung des Indigenates nur noch einmal dankbar unterstreichen kann, was längst zur Tatsache geworden ist: Er ist einer der Unseren.“

Harnischmachers zahlreiche Veröffentlichungen z. B. über „Das Große Meer bei Emden“, „Das Ewige Meer“, „Unsere Meeden, ihre Vogelwelt und Flora im Frühjahr“, „Gedanken eines ostfriesischen Marschbauern im März“, „Birkhahnbalz im ostfriesischen Moor“ und viele andere, sind heute noch höchst lesenswert.

Hermann Harnischmacher starb in Aurich am 22.4.1958. Den einzigen Sohn verlor die Familie im II. Weltkrieg. Mit den beiden inzwischen verwitweten Töchtern pflegen wir seit kurzem eine herzliche Verbindung. Frau
Bellinghausen, geb. Harnischmacher, wohnt z. Zt. in Idstein bei Frankfurt; Frau von Bewer, geb. Harnischmacher, lebt in Aurich. Bei der Einweihung unseres neuen Gebäudes am Breiten Weg vor mehr als 30 Jahren sagte ich am 28.9.1963 u. a.: „Da Pläne und Wirklichkeit sich schneller ändern, als viele Menschen registrieren können, empfangen wir heute noch oft auch Besucher, die hier das Heimatmuseum des Heimatvereins oder den Botanischen Garten zu finden glauben. Und dass dieser Botanische Garten nicht erhalten werden konnte und unseres wachsenden Raumbedarfs wegen verschwinden musste, vermag uns nicht ungetrübt zu erfreuen, weil das Alterswerk Harnischmachers, das er mit beispielhaftem Idealismus begründete, einen Bestand über seinen Tod hinaus verdient hätte. Bis zu seinem Ableben hat er noch manchen unserer Kurse durch „seinen“ Garten geführt. Ohne ein gut Teil von seinem Idealismus in uns wird auch unser Werk, diese Schule, nicht lange ein Pflanzgarten im übertragenen Sinne sein können. Wir werden in Kürze die hohe Platane mit einer Tafel versehen, die seinen Namen erinnernd und ehrend trägt.“ Diese Tafel ist nicht angebracht worden!

Der ehemalige Stadtgärtner Heinrich Onnen, dem ich meine Absicht vortrug, meinte, Herr Harnischmacher würde sich bei den Hammerschlägen, mit Hilfe derer die Nägel ins Holz der Platane getrieben werden müssten, im Grabe abwendend umdrehen. Durch solches Feingefühl angesteckt, ersparte ich dem Baum die vorgesehene Marter.

Stattdessen trägt nun das Haus von-Jhering-Straße 35 den Namen Harnischmacher! Und könnte Hermann Harnischmacher unseren heutigen ökologischen Garten sehen und zur Kenntnis nehmen, dass wir in Kursen besonders des Bereichs „Bildungsurlaub“ uns seiner Anliegen und Themen annehmen, dürfen wir seiner Zustimmung wohl gewiss sein.

Hermann Harnischmacher war uns in Denken und Handeln im Umgang mit der Natur weit voraus. Wir sind nun dabei, zu ihm aufzuschließen.

 

 

 



 

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