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Das "de Pottere-Haus" der Heimvolkshochschule in Aurich

Vom Namen und der Geschichte einer Schenkung

 

Das "de Pottere-Haus" der Heimvolkshochschule in Aurich
von Johannes Diekhoff

Der Name „de Pottere-Haus“ wurde lange als bedeutungsgleich für „Deutsch-Niederländische Heimvolkshochschule“ (DNHVHS) gebraucht. Als Stätte für internationale Jugend- und Erwachsenenbildung konnte sie 1956 eröffnet werden. Aus Anlass des 40-jährigen Bestehens des Trägervereins sollen die auf dem Areal vorgefundenen bzw. errichteten Gebäude folgende Namen erhalten: „Haus Wallheimer“ und „Haus Klaassen“ am Breiten Weg, „Haus am Collmannsgang“, „Haus Harnischmacher“ (von-Jhering-Str. 35) und „de Pottere-Haus“ (von-Jhering-Str. 33).
Der Name „de Pottere-Haus“ soll nun dem Muttergebäude vorbehalten bleiben, denn nur unter dessen Dach haben die Auricher de Pottere’s gelebt. Dem Letzten dieses Namens
verdankt diese Heimvolkshochschule ihren Standort. Der durch Jahrhunderte beobachtbaren Sippe jedoch verdankt sie ihre erzieherische Verpflichtung als Essenz einer Familiengeschichte.


Der Ursprung der Familie

Die „de Pottere’s“ sind am Ende des 16. Jahrhunderts aus Ronse in Flandern, südlich von Gent, nach Emden gekommen. In ihrer flämischen Heimat waren sie durch Tüchtigkeit und Fleiß zu Wohlstand und großem Ansehen auch in Ämtern und Ehrenämtern gelangt. Nach der Reformation entschieden sie sich fast ausnahmslos für den protestantischen Glauben. Einer von ihnen, Bastian de Pottere, verlor dafür sein Leben im Jahre 1561 in Antwerpen. Ein anderer, Lievin de Pottere, wurde 1568 zu Ronse als Calvinist hingerichtet, nachdem er mit seiner Frau 1567 sich in Emden aufgehalten hatte. Um Leib und Leben zu retten und ihre Glaubensfreiheit zu sichern, verließen die de Pottere’s ihre Heimat Richtung Osten, wandten sich auch nach Emden, fanden hier als Asylanten Obdach und Existenz. Ein „scharf hervortretender Charakterzug der Familienmitglieder war und blieb ein starker Trieb nach Geistesfreiheit und Gleichheit vor dem Recht; daher sie im Laufe der Zeit lieber ihr Vaterland, Haus und Hof, Hab und Gut verließen, als sich einem Gewissenszwang und geistiger Tyrannei zu unterwerfen.“ Im Jahre 1584 erscheint ein Johann de Pottere aus Ronse im Emder Bürgerbuch; er begründet die ostfriesische Linie der Familie, die bis zum letzten Träger dieses Namens in Aurich 19 Generationen lang ihren Dank für Aufnahme und gewährte Glaubensfreiheit durch hervorragende Dienste zum Wohle der neuen Heimat abgestattet hat. „Im Rat der Stadt Emden nehmen die de Pottere’s 4 Generationen lang die angesehensten Stellungen ein: Ratsherr, Vierziger, Vierzigerpräsidenten, Bürgermeister, und das alte flandrische Kaufmannsblut belebt Handel und Wandel der Stadt Emden in einem erstaunlichen Ausmaß.“ Ein Jaques de Pottere, 1699 in Emden geboren, empfing im Jahre 1755 als Bürgermeister Emdens dort Friedrich II., König von Preußen, in dessen Reiche nach seinem Willen „jeder nach seiner Facon selig werden“ könne; empfing ein de Pottere den König, dessen französischer Freund Voltaire das Wesen der Toleranz in dem für uns in dieser Schule so grundlegenden Satz ausdrückte: „...und hasse ich auch wie die Pest, was du vertrittst, so will ich doch mein Leben dafür einsetzen, dass du es vertreten darfst.“ Hier hören wir Gegenwärtigen aus geschichtlicher Vergangenheit einen Anruf zur Verwirklichung von Glaubens- und Meinungsfreiheit in dem Haus und auf dem Areal, das den Namen einer Verfolgtenfamilie trägt und dessen letzter männlicher Spross es der Allgemeinheit schenkte.


Wie und wann kamen die de Pottere’s nach Aurich?

Der Vater des Rittmeisters a.D. und Assessors Johann Gerhard de Pottere, namens Gerhard Gottlieb de Pottere, geboren in Blumenau am 23.3.1834, war Kaufmann, zog als solcher 1859 nach Santos in Südamerika, von wo er zu Zwischenaufenthalten auch im Jahre 1877 zurückkehrte, um Deddina Metger, Tochter eines Emder Kaufmanns, zu heiraten. Dies geschah am 26.3.1878. Mit seiner Gemahlin zog er am 19.4.1879 wieder nach Santos, wo am 5.7.1879 ihr Sohn Johann Gerard de Pottere zur Welt kam. Auf der Hazienda Ibicaba ist der Vater und Ehemann am 9.1.1880 plötzlich verstorben, wonach seine Frau mit ihrem Kleinkind, ein halbes Jahr alt , nach Europa zurückkehrte und in Aurich, im Hause von- Jhering-Straße 33 (damals Gartenstraße/Norder-Vorstadt) Wohnung nahm. Sie war 37 Jahre alt. Das Besitztum gehörte bereits seit dem Jahre 1863 der Familie Metger, welcher sie ja entstammte; am 31.12.1864 wurde „Frau Ehegenossin des Grundbesitzers Herrn Florenz Hermann Metger, Gepken Johanna Engelina Metger, geborene Kempe“, der Bürger-Brief der Stadt Aurich ausgehändigt. Vermutlich stammt dieser Besitz aus der Konkursmasse des Baumeisters Collmann. Wer das stattliche Patrizierhaus von-Jhering-Straße 33 erbauen ließ oder erbaut hat, konnte noch nicht ermittelt werden. Im Jahre 1880 wurde der Deddina de Pottere, geborene Metger, der Auricher Bürger-Brief ausgehändigt. Sie hat das Haus mit Garten mit ihrem einzigen Kind Johann Gerard bis zum Jahre 1935 bewohnt. Sie starb, 92- jährig, und sie bat kurz vor ihrem Tode ihren Hausarzt Dr. Albrecht Neddersen, ihrem einzigen Kind und Sohn Johann Gerard fernerhin ärztlicher Begleiter und Freund zu bleiben.


Deddina de Pottere, geb. Metger

Nach allem, was uns an Informationen vorliegt, muss sie eine sehr starke Frau gewesen sein. Sie hielt das überkommene reiche Erbe beisammen, hat, was zu verstehen ist, all ihre Liebe und Fürsorge dem Sohn Johann angedeihen lassen, dessen Lebensweg und Lebensführung durch „Überbemutterung“ wohl stark beeinflusst worden ist. Der Fixierung der Mutter auf den einzigen Sohn hat wohl eine sehr starke Mutterbindung des Sohnes entsprochen. Im Jahre 1902 ließ Deddina de Pottere auf dem Fundament einer abbruchreifen Scheune, die noch Baumeister Collmann sich dort errichtete, eine neue bauen. Ihre eigenhändig verfertigte Bauskizze mit mahnenden Hinweisen, nur gutes Material zu verwenden ist vorhanden. Diese Scheune war die Vorläuferin unseres gegenwärtig als Esssaal genutzten Anbaues. Mutter de Pottere sah hier Waschküche, Torf- und Kohlenraum, einen Pferdestall mit Sattelund Häckselraum vor. Letzteres für ihren Sohn, den späteren Reserve-Offizier im Dragoner- Regiment Nr. 16 in Münster. Die genehmigte Bauzeichnung ist vorhanden, und in einem Briefwechsel ist von einer Schlafstelle für einen Burschen auf dem Dachboden über dem Pferdestall die Rede. Hinweis darauf, daß der Johann de Pottere so begütert war, sich einen solchen, - in späterer Zeit mit einem Chauffeur zu vergleichen -, leisten konnte und leistete. Über die im Jahre 1950 vorgefundenen nachgelassenen persönlichen Schriftstücke hat sich der damalige Landschaftsamtmann Theodor Rehbein wie folgt geäußert: „Inmitten des Mobiliars aus altem Patrizierhause stand eine Mahagonikommode, die verschlossen war und zu der kein Schlüssel passte. Wir ließen sie öffnen und siehe da: Der Inhalt umfasste ein ganzes Menschenleben. Alles, was die frühere Besitzerin, es war die Mutter des Erblassers, Deddina de Pottere, geb. Metger, in ihrem langen Leben an Freud und Leid erlebt hatte, lag in dieser Kommode in den verschiedenartigsten Dokumenten begraben: Ihr Geburtszeugnis, ihre Schulzeugnisse, Briefe der Eltern, das Poesiealbum des jungen Mädchens, die unschuldigen Briefe an Freundinnen, Bilder der Vorfahren und der Verwandten, die Brautbriefe der jungen Verlobten, der verwelkte Strauß von der Hochzeitsreise, die Reise mit ihrem jungen Gatten Gerard de Pottere nach Sao Paulo auf die Kaffeepflanzung, die glückliche Eintragung von der Geburt des Jungen, Krankheit und Tod des Mannes im fremden Lande, Rückreise nach Ostfriesland, Erziehung des Jungen und Zeugnisse von ihrer Wirksamkeit im öffentlichen Leben, Verwaltung des Vermögens, Briefe als Zeugnisse der Trauer und der Freude, Gratulationen an die altgewordene Frau, Kriegsanleihen, und die Beweise der Folgen einer für ihren Vermögensstand verheerenden Inflation, Kriegsbriefe und ganz obenauf das Letzte: auf goldener Papptafel aufgeklebt die Zahl 90, der 9 Lebensjahrzehnte, die sie überschritten hat. Ein ganzes Lebensschicksal in einer Kommode; von der Wiege bis zur Bahre.“ Was für eine Fundgrube habe ich gedacht, und welcher Schatz für eine Bildungsstätte wie die unsere. Aber dann las ich weiter, und ich war entsetzt. Rehbein endet dieses Kapitel seiner Beschreibung: „Wir haben den Inhalt dieses Schrankes so behandelt, wie Sie es getan hätte: behutsam, respektvoll und voll Pietät. Hier wäre jede Neugierde deplaziert erschienen... Da große Mengen Familienpapiere an anderer Stelle aufgefunden wurden, konnte der Bearbeiter sich bald ein Bild der Familie machen, in die die Besitzerin der Kommode hineingeheiratet hatte und die mit ihrem Sohn Johann de Pottere in der ostfriesischen Manneslinie erlosch.


Aus der Asche der behutsam verbrannten persönlichen Briefe stieg noch einmal das
glänzende Bild einer patrizierhaften Emigrantenfamilie auf: der Familie de Pottere....“


Johann de Pottere

In dem Leben des Letzten, Johann Gerard de Pottere kamen Leistungswille und
Unternehmungsfreude der ostfriesischen de Pottere’s zum Erlöschen. Er machte am Gymnasium Ulricianum in Aurich sein Abitur als Klassenkamerad seines späteren Arztes und Freundes Albrecht Neddersen. Er war ein gut begabter Schüler, gehörte immer zum oberen Drittel seiner 14 - 16 Schüler umfassenden Klasse; er studierte Jura u. a. in Göttingen, war Offizier im I. Weltkrieg. Er soll nie eine berufliche Tätigkeit ausgeübt haben. Bis zum Jahre 1935 lebte er in der Obhut seiner Mutter; war 55 Jahre, als diese starb. Da war es für ihn auch wohl zum Heiraten zu spät. Er blieb ehelos. War oft zu Gast in der Familie Neddersen, ritt mit seinem Freunde aus und begleitete den Arzt auf Fahrten zu entfernt wohnenden Patienten. Im Jahre 1940 lernte meine Frau, damals Rote-Kreuz-Schwesternhelferin im Reilstift Aurich, den Kavalier Johann de Pottere als Patient kennen. „Ein Herr aus vergangenen Tagen in Gestalt, Gebärden und Benehmen.“ 1950 erkrankte Johann de Pottere unheilbar an Darmkrebs. Am 26.10.1950 diktierte er dem Notar im Beisein seines Arztes Dr. Neddersen: „Ich bestimme meinen Freund, den Arzt Dr. Albrecht Neddersen in Aurich,  Esenserstraße, zum Testamentsvollstrecker, der mein Vermögen der Landschaft in Aurich übertragen soll ... Ich habe keinen Angehörigen meiner Familie, den ich zu meinem Erben einsetzen möchte.“ Mir war bisher nicht anders bekannt, und es ist folgerichtig, dass Freund und Arzt Dr. Neddersen seinem Freund Johann de Pottere den Rat gab, sein Vermögen der Ostfr. Landschaft zu vermachen, wobei die Erträge aus der Stiftung der ostfriesischen Pferdezucht und dem Pferdesport zufließen sollten.


Da letzten Endes nun der Verein DNHVHS Nutznießer aus der Schenkung aus dem Jahre 1950 geworden ist, sollte er wissen, dass ein Teil der Dankbarkeit dem Auricher Arzt Albrecht Neddersen gebührt. Dieser hat noch miterlebt, dass die Pläne des Heimatvereins, dort ein Museum einzurichten, gestoppt wurden zugunsten unserer Bildungsstätte. Herr Dr. Neddersen hat in den Jahren 1955/57 öfter bei planenden Gesprächen in unserer Runde geweilt und unsere Vorhaben gutgeheißen. Er ist 1958 gestorben. Wie Herr Rehbein seine Vermutung belegen konnte, ist mir unbekannt, als er schrieb, daß ein Verwandter, der als ein de Pottere in Ungarn lebte, später als Generalkonsul Georg de Pottere im diplomatischen Dienst in Mexiko und Moskau wirkte, „indirekter Anreger der Erbschaft de Pottere an die Ostfr. Landschaft“ gewesen sei. Als Johann de Pottere am 27. Oktober 1950 im Auricher Reilstift das vorbereitete Testament unterschreiben sollte, war er schon zu schwach und dem Tode sehr nahe. Da mussten zwei „Schreibzeugen“ einspringen; diese waren der damalige Krankenpfleger Sunke Folkerts und der damalige Assistenzarzt Dr. Trapp, der bis vor wenigen Jahren in Aurich praktizierte. Diesen beiden sei dafür - vermutlich erstmals - gedankt. Was uns heute Anlass zu Freude und Dankbarkeit ist, war der Großfamilie de Pottere/Metger damals ein Anlass zu großer Enttäuschung und zu juristischen Erwägungen. Die Schenkung seines ererbten Vermögens an die Ostfr. Landschaft auf Anraten seines Freundes war des Johann de Pottere wohl gemeinschaftsdienlichste Lebensleistung. Den Groll der Erbberechtigten seiner Großfamilie hat er in Kauf genommen. Viele von ihnen, zum Teil aus anderen Erdteilen kommend, haben in den 50-er Jahren mich gebeten, doch noch einen Blick in Haus und Garten werfen zu dürfen. Ich rege an: als späten Akt der Versöhnung die große Schar der noch lebenden Nachkommen ins de Pottere-Haus zur Begegnung einzuladen!


Johann de Pottere hat durch seine Schenkung die Chance eröffnet, dass die Essenz der Geschichte der Familie de Pottere in Flandern und Ostfriesland in einer DNHVHS und ihren Bildungsbemühungen wirksam bleibt, mit dem Ziel, dass möglichst noch in erlebbarer Zukunft niemand Vaterland, Haus und Hof, Hab und Gut verlassen muss, um in Freiheit das Seine glauben und sagen zu dürfen.


Text eines Vortrages den J. Diekhoff, von 1956 bis 1966 Leiter der Heimvolkshochschule, aus
Anlass des 40jährigen Bestehens des Trägervereins der Bildungsstätte, die sich heute
„Europahaus“ nennt, am 17.07.94 gehalten hat.

 

 

 



 

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