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20.04.2017 - 10:56 Uhr

Die Jugend der EU und ihr Wunschzettel

Setzt Großbritannien den Brexit um? Was passiert, wenn die Türkei ihre Rolle als „Torwächter” aufgibt und wieder wesentlich mehr Flüchtlinge europäischen Boden betreten? Welche Zukunft bieten Länder mit 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit ihrem Nachwuchs? Es sind die großen Fragen dieser Zeit, mit denen sich zurzeit 40 Jugendliche aus Finnland, Spanien, Polen und Deutschland im Europahaus in Aurich beschäftigen. Um es vorwegzunehmen: Lösungen auf die Fragen haben sie keine gefunden. Aber etwas anderes.. .

In einem Workshop sind in Aurich 40 Jugendliche aus vier EU-Ländern zusammengekommen. Am Ostersonnabend traten sie mit einem „Public Action Event” in der Auricher Fußgängerzone auf.

Von PETER SAATHOFF

und GERD-ARNOLD UBBEN

Aurich. Setzt Großbritannien den Brexit um? Was passiert, wenn die Türkei ihre Rolle als „Torwächter” aufgibt und wieder wesentlich mehr Flüchtlinge europäischen Boden betreten? Welche Zukunft bieten Länder mit 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit ihrem Nachwuchs? Es sind die großen Fragen dieser Zeit, mit denen sich zurzeit 40 Jugendliche aus Finnland, Spanien, Polen und Deutschland im Europahaus in Aurich beschäftigen. Um es vorwegzunehmen: Lösungen auf die Fragen haben sie keine gefunden. Aber etwas anderes.. .

„Europa ist in der Krise”, sagt Pirjo Niskanen vom Europahaus. Niskanen ist eine der Leiterin des einwöchigen Workshops unter dem Titel „Entrances und exits, nationalists and Brexit”. Sie ist selbst begeisterte Europäerin. Trotzdem stellt sie fest: „Seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 ist die EU in einer Dauerkrise.” Ob der Brexit für die Bevölkerung Großbritanniens nicht angesichts dieser Dauerkrise doch eine Chance darstelle? Niskanen denkt das nicht. „Der Weg alleine kann nicht der Weg der Zukunft sein”, glaubt die überzeugte EU-Anhängerin. Stattdessen müsse die EU sich reformieren. „Sie müssen schneller Entscheidungen treffen.”

Eine höhere Reformbereitschaft der EU fordert nicht nur Niskanen alleine. Auch die Jugendlichen sehen in dieser Hinsicht Bedarf bei der Europäischen Union. Nicht nur dort. Jack O'Hare bringt es als Vertreter von Deutschland auf den Punkt: Der Brite, der ein freiwilliges soziales Jahr in Deutschland absolviert, fordert ein sozialeres Gesicht der EU. „Es muss mehr Bildung für alle geben”, sagt er. Vor allem für jene aus wirtschaftlich schwächeren Haushalten. „Aktionen wie dieser Workshop dürfen nicht am Geldbeutel der Eltern scheitern.” Schließlich seien es vor allem wirtschaftlich schwächere oder weniger gebildete Menschen, die für nationalistische Tendenzen empfänglich seien.

Mehr Bildung auf der einen Seite, aber auch ein größeres Interesse, diese anzunehmen, wünscht sich Krzysztoff Rollaner aus Polen. Er habe in seinem Land die Erfahrung gemacht, dass sich zu wenig Jugendliche für Politik interessieren würden, insbesondere für die EU. „Das liegt auch daran, dass sich die EU zu wenig um junge Leute kümmert”, meint Rollaner.

Ganz andere Sorgen beschäftigen Amina Qaiser aus Deutschland. Die Muslima sieht eine zunehmende anti-islamische Haltung, sowohl in der Bundesrepublik als auch in der EU allgemein. Die EU müsse versuchen, Grenzen einzureißen, um Menschenrechte, Gleichheit und Liebe universell zu ermöglichen.

Zurzeit ist die EU allerdings weniger mit dem Einreißen von Grenzen beschäftigt, eher mit der Wiederkonstruktion bereits überwundener. Der angekündigte Brexit zwingt sie dazu. Wie wirkt sich der Austritt Großbritanniens konkret aus? Veera Oikarinen aus Finnland erzählt, dass in ihrer Heimat 60 000 Arbeitsplätze bedroht seien. Es betrifft Pendler, die in Großbritannien arbeiten, aber ihren Hauptwohnsitz in der finnischen Heimat behalten haben.

Trennungsabsichten treiben auch Luis Barrós Martínez um. Der Spanier spricht über den Wunsch der Katalonen, die spanische Nation zu verlassen und eine eigene Nation zu gründen. Ein großes Problem für Spanien: Katalonien ist ein wirtschaftlich starker Teil und unterstützt weite Landstriche. Ein Grund, warum die Katalonen ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit noch nicht nachgegeben haben, sei die EU. „Katalonien möchte in der EU bleiben”, erklärt der Spanier. „Würden sie Spanien verlassen, wären sie erst mal nicht mehr Mitglied der Europäischen Union.”

Eines der großen Themen, in denen die EU helfe. Gibt es auch kleinere, die die Jugendlichen persönlich betrifft? Amina Qaiser hat für sich eins ausgemacht: „Ich mache den sechsten Workshop mit, habe mehr als 150 Jugendliche aus europäischen Ländern kennengelernt – und ich habe in jedem Land der EU ein Bett, wenn ich es besuchen möchte.”

Wenig Beachtung

Am vergangenen Sonnabend präsentierten die Teilnehmer vor dem Historischen Museum in Aurich bei einem „Public Action Event” ihre Workshop-Ergebnisse. Mit Musik, Kunst, Tanz, Performance und Mitmachaktionen versuchten sie für Gleichheit, Offenheit, Toleranz, Einheit, Kultur Bildung und Solidarität zu werben .

Leider wurden die Aktionen kaum beachtet. Eine der wenigen, die sich die Zeit nahm, war die 78-jährige Gisela Behrends. Die Auricherin fand den Auftritt prima. „Wir müssen alle zusammenhalten und mit der Jugend zusammenarbeiten. Ich jedenfalls bin noch mittendrin“, sagte sie

„Wir sollten perspektivisch Chancengleichheit für alle Jugendlichen anbieten, egal welchen Hintergrund sie haben. Allerdings hat seit 2010 das Vertrauen der Bevölkerung zur europäischen Politik stark nachgelassen“, sagte die Finnin Niskanen.

Inzwischen sind alle wieder in ihre Heimatländer zurückgekehrt, wobei sie sicherlich viele Fragen nicht befriedigend beantworten und lösen konnten. Allerdings verließen sie Aurich auch in dem Bewusstsein, ein wenig zu einem friedlichen Zusammenleben in Europa beigetragen zu haben.

Heimatblatt Aurich vom Mittwoch, 19. April 2017, Seite 5


 

 



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